Bildgedichte
Eine kleine kommentierte Anthologie
Teil 12 siehe hier …
Wie die Lyrik bildkünstlerische Szenen sprachlich aufarbeitet, zeigt Thomas Kling – in der jüngsten deutschsprachigen Poesie der wohl produktivste Gemäldedichter – mit und in den beiden nachstehenden Texten.
Der erste (letztes Stück aus der Serie «Actaeon») hat den mythischen Zwist von Diana und Aktaion zum Gegenstand, jene Episode also, in der Aktaion die nackte Göttin beim Baden beobachtet, von ihr entdeckt und grausam mit dem Tod bestraft wird – sie verwandelt ihn in einen Hirsch und lässt ihn von seinen eigenen Hunden zerreissen; dazu liest man bei Kling:
funde von bildchen am rand, die ramponierten idole.
verlautbarungen aus der idyllenanstalt. bildfunken eines
angeschlagenen römischen reliefs, gewaltdarstellung.
hier hat natur in abgelegenem gelände ein kunstwerk
hingeklotzt. Dianas täuschend echte badegrotte, aus der,
durchsichtig bis zum grund, die quelle klingelt, plot.
wo D., nackt, von A. ertappt, nicht lange fackelt, wenig
worte macht: was mit tabubruch, poren, haarigem tod.
rasant führt das zu sprachverlust, hirschzellen, hornschwer
wird sein kopf. ein röhren-echo, keine stille, da bis zum
schluß ja dieser hirschprojektor schnurrt. dann riß. antike,
beschleunigt, als jagdstück. wie schlafstörungen das licht.
Die Szene ist in der europäischen Bildkunst oftmals dargestellt worden. Welche Vorlage Kling verwendet hat, weiss man nicht, muss man auch gar nicht wissen – er selbst beschränkt sich im Text auf vage Andeutungen («bildfunken», «relief», «täuschend echt», «jagdstück»). Was er hier in Worte fasst, kann sich auf ein beliebiges Bildwerk beziehen, abgesehen davon, dass die dramatische Episode zwischen Aktaion und Diana ohnehin schon aus literarischen Quellen weithin bekannt ist. Im Unterschied zu Sarah Kirsch bietet Kling keine Neudeutung der Bildvorlage, sein Gedicht beschränkt sich auf deren impressionistische Wiedergabe.
… Fortsetzung hier …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik
Schreibe einen Kommentar