HELGA M. NOVAK
was für ein Wind
was für ein Wind
der das Gesicht benetzt
und die Lippen zerreißt
was für ein Wind
der die Arme ausleiert
und Knüppel zwischen die Beine wirft
er zieht den Feldern
die Haut aus Erde ab
und entkleidet den Hafer
bis auf das Korn seines Ursprungs
Kartoffeln gehen auf Wanderschaft
mit geplatzten Augen
was für ein Wind
der die Gehölze aus Eichen lüftet
und Laub vertreibt
was für ein Wind
der im Frühjahr das Grabfeld
ausfegt mit grünem Besen
1978
aus: Helga M. Novak: solange noch Liebesbriefe eintreffen. Gesammelte Gedichte. Hrsg. v. R. Jorek, m. einem Nachwort v. E. Demski. Schöffling & Co. Frankfurt a.M. 1999
Nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, im unterfränkischen Rhön-Grabfeld-Kreis, hat die seit langem in Polen lebende Dichterin Helga M. Novak (geb. 1935) in den 1970er Jahren einige Zeit zugebracht, in einer „Landschaft selbst von den Römern gemieden“. Der merkwürdige geologische Name „Grabfeld“ forderte die Dichterin heraus, hinter dieser wie auch hinter anderen Redewendungen die ursprüngliche Bedeutung freizulegen. Dieser spracharchäologische Ansatz, die wort- und naturgeschichtliche Suchbewegung prägt auch ihre späteren Gedichtbände.
Im Eröffnungsgedicht des Bandes Margarete mit dem Schrank (1978) wird die Naturmacht des Windes im „Grabfeld“ beschworen. Es ist ein mythischer Wind, der von weit her kommt und die Grabfeld-Landschaft aus Muschelkalk wie in einem kathartischen Vorgang zu reinigen scheint.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008
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