MARIE LUISE KASCHNITZ
Aus Kindern
Aus Kindern
Werden Leute
Aus den reizenden
Deutschen Kindern
Fleißige Leute
Mit Kurznacken
Krummrücken
Hamsterbacken
Da gehen sie
Plumpen Schrittes
Vom Wirtshaus
Zum Dampfersteg
An ihrer Seite
Reizende Kinder
um 1970
aus: Marie Luise Kaschnitz: Gesammelte Werke, Bd. V, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1985
„All meine Gedichte waren eigentlich nur ein Ausdruck des Heimwehs nach einer alten Unschuld oder der Sehnsucht nach einem aus dem Geist und der Liebe neu geordneten Welt.“ Diese poetische Absichtserklärung, die Marie Luise Kaschnitz (1901–1974) in ihrer Büchner-Preisrede 1955 formulierte, trifft auf das Alterswerk der Dichterin nicht mehr zu. In ihren nach 1967/68 entstandenen Gedichten nehmen der politische Ingrimm und die gesellschaftskritische Angriffslust deutlich zu.
Dieses lyrische Sittenbild einer deutschen Kindheit, das um 1970 entstand, hat die Vorstellung von einer ursprünglichen „Unschuld“ restlos verscheucht. Hier fällt ein böser Blick auf die biedere Bürgerlichkeit deutscher Provenienz: Aus den Kinderstuben kommen kleine Scheusale, die später, als Erwachsene, alle Attribute des häßlichen Deutschen tragen.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2007, Verlag Das Wunderhorn, 2006
Schreibe einen Kommentar