NELLY SACHS
AUF UND AB gehe ich
in der Stubenwärme
Die Irren im Korridor kreischen
mit den schwarzen Vögeln draußen
um die Zukunft
Unsere Wunden sprengen die böse Zeit
Aber die Uhren gehen langsam –
1960er Jahre
aus: Nelly Sachs: Suche nach Lebenden. Die Gedichte der Nelly Sachs. Band 2. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1971
Wir lesen das Protokoll eines Alptraums. Das Ich halluziniert sich als Opfer einer Einschließung, als Insasse einer Klinik vielleicht, schwankend zwischen „Stubenwärme“ und kaltem Schrecken. Nelly Sachs (1891–1970), die jüdische Dichterin, entfaltet eine surreale Vision – mit allen Ingredienzien einer Sprache der Melancholie und des Wahnsinns.
Das Ich, das hier in einem späten Gedicht in offenbar unabschließbarer Bewegung „auf und ab“ geht, bewegt sich durch dämonische Kulissen. Ein Geschrei hebt an, das von draußen hereinweht, die Zukunft scheint das nicht Erreichbare zu sein. Die Zeit, so erfährt es der Melancholiker, verharrt im quälenden Stillstand. So erscheint das „Sprengen“ der „bösen Zeit“ als der einzig mögliche Weg zur Selbsterrettung. Aber das ist ein sehr langsamer Prozess.
Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2010, Verlag Das Wunderhorn, 2009
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