OSKAR PASTIOR
schiwwer
wenn ich einmal groß bin
werd ich mich heiraten und
dann wird nichts mehr weh tun
weil ich aber klein bin und
noch ein wenig kniefrei sein will
hab ich mich gleich nicht mehr gern
ich will aber bestimmt mich
gleich heiraten wenn ich groß
gewesen bin und lieb gehabt hab
und mich bestimmt nicht fürchten
auch wenn ich kniefrei bin
und es nur ein wenig weh tut
denn dann bin ich ja bald so groß
und fast ohne knie und
geh auch nur ein wenig heiraten
nach 1980
aus: Oskar Pastior: Lesungen mit Tinnitus. Hanser Literaturverlag, München 1986
Wenn die dem Dunklen und Grüblerischen zugeneigte Sprache der deutschen Nachkriegslyrik nach einer Person gesucht hätte, die sie aus dem Dilemma ständiger Selbstreflexion wieder hinausführt, sie hätte in Oskar Pastior (1927–2006) ihren Meister gefunden. Die gleichermaßen traditionsbewußten wie experimentellen Sprachspiele des siebenbürgischen Dichters suchen die Rückseite unseres von Vernunft und Logik dominierten Sprechens auf. Im Klang finden die Wörter bei Pastior zu sich selbst.
Dass die Frage von Groß oder Klein besonders für die Kleinen ein ernstes Thema darstellt, liegt in der Natur der Sache. Jedes Kind träumt ja davon, bald groß zu sein. Spielerisch nimmt der Dichter hier dieses Motiv – ein Sehnsuchtsmotiv – auf und wendet es um und um, indem er die rührende Unentschlossenheit seines Ich simuliert. Bis in die Wortstellung hinein wird hier Kindersprache nachempfunden: Lesen wir dieses Gedicht also als Aufforderung zum Spiel, das immer neu beginnen kann und dann auch nur manchmal „nur ein wenig weh tut“.
Volker Sielaff (Gedichtkommentar) Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2011, Verlag Das Wunderhorn, 2010
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