ESSAY: DIE LEBENDIGEN VERLASSEN DIE TOTEN
„denn Denken kann nicht durch die Zeit reisen ohne unterweg auf den Tod zu treffen“
Für Poppy
Der Geist liebkost den Körper, gemächlich
aaaliebkost eine Schulter, eine Sehne
Der Geist ist nicht willig, den Körper zu verlassen,
aaaaaküsst
aaaseine Gestalt, seine Häute
Die Lymphe zirkuliert, der Geist folgt
aaaihren Wirbeln & Strömen
Der Geist sorgt sich um die Muskeln & Knochen des Körpers
Nun besorgt der Körper den Geist.
Da liegt der Körper, der Geist ist über ihm
aaaein sich beruhigender Wind
Wohin soll er gehen?
(Der Körper hat den Laden zugemacht. Die Rollläden
aaageschlossen; Leber, Nieren, geschlossen.)
Was für ein Glück,
dass wir nach unserem Tod nicht ans Telefon gehen müssen.
*
Ein lebendiger Teil, der Teil von mir, der mein lebender Onkel
aaawar (Poppy), ist gestorben, wie ein Organ.
*
welche Teile des Körpers mit der Seele nicht gemeint sind
*
Ersetzt man die Familienorgane, die im Körper schlafen wie liebende, leckende Gespenster, zieht ein neues Gespensterorgan in meinem Körper ein.
Meine Lebende-Poppy-Niere wird kristallin & hell, eine Perle, mit innerem Licht. Leuchtend; meine neue tote Gespenster-Niere ersetzt sie jetzt, da sein Körper tot ist (Lymphe noch zirkulierend).
– Sie ersetzt sie nicht, sie verändert sich nur
– O.K.
– Begreife die Formen der Toten und der Lebendigen, die wir im Innern tragen.
– O.K.
Indem wir unser eigenes lebendiges Gespenst im Innern tragen
aaatrifft unser totes Gespenst später ein & lebt
aaaauf eine andere Weise
Der kleine animalische Körper
die kleine animalische Haube um
meine strahlende Tochter –
ihr hübsches lebendes animalisches Gespenst
noch lebendig
Ihre Finger wie kleine leuchtende
goldene Gespenster-Stäbchen
die klackernd nach der Luft schnappen
Hals der diesen ganzen Kopf obenhält
Bewusstsein wie ein Seiden-
schal in einen Apfel gestopft
ziehe diesen Schal aus dem Hut (Kopf) &
lass ihn los in der Luft seh ihn schweben seh ihn fliegen
aaaaaaaaawie eine anbrandende Seidenwelle
am Himmel aaaaaaaaaaaaErde aaaaaaaaaaaakreisend
aaaaaaaaaaaaaaaaaagerade so
wie die Sonne rund & hell ist aaaaaaoder die Erde
ist aaaaaaaaaaaarundaaaaaaaaaaaa rund und um Zittern & Licht
Haut aus Flammen, die wir durchschwimmen
aaaaaaaaaich schicke dich fort
haarige Haut der Flammen ein aaaFlaum,aaa ein Fell – Flammen
aaaaaein Fell das den rechten Winkel des Buchstabens A enthäutet
aaaauf dem wir hinabgleiten, den wir erklettern
aaaaaaaaaaaaaaaHaut des Selbst – Flamme – ein Summen
aaaaaaaaaHaut der Welt – Flaum –
Ich denke, oder vielleicht ist es umgekehrt:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaairgendwo verbrennen wir uns
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaain jedem Fall
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaein
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaFlammen Flaum
der wie ein Leuchtkäfer sein Licht in die Nacht auflöst &
aaaaaaaus seiner Haut platzt
aaaoder die erlösenden Eigenschaften eines Atome absondernden Steins
Andere Buchstaben erschienen mir, hautlos
aaaaaa& gehäutet
aaazur frühesten Minute des Selbst sagte sie
aaaaaB aaain Flammen ein Gerüst aaamit baumelnden Seilen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaEs faltete sich ein
in das Wurmloch, das farbenfroh war (Ich dachte
aaa„Wachsmalstift“ aaaaaadie Einzigartigkeit ist voller Flecken
Ich dachte aaadie Seele ist ein Wirbel, das Auge eines aaaOrkans &
außenrum wabert Farbschmelze & Schwarz
aaaaaadas ist also die Seele der Form aaaAlphabet aaaForm der Seele
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawas sie ist die ein Orkan
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaseine Augenöffnung
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaist
Das Z konnte ich nicht finden.
Eleni Sikelianos
Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Rinck
Es gibt Senf immer nur dann, wenn er Ihnen
in die Nase steigt.
Jacques Lacan
Nur der Dichter verkauft seine Seele, um sie
vom Körper, den er liebt, zu trennen.
Tomaž Šalamun
Sitzt die Seele im Gehirn, im Herzen, im Atem, in den Nerven? Die Stoiker hielten sie für einen Oktopus, antike Ärzte attestierten ihr eine paradoxale Zusammensetzung: Sie sei aus dem feuchtesten Feuer und dem trockensten Wasser zusammengesetzt.
Wer von der Seele reden, sich etwas von der Seele reden will, der muss zunächst seine Sprache ändern. So viel scheint gewiss. Die Seele ist – die Psychoanalyse hat es uns gelehrt – zunächst eine Figur der Rede. In den Pathologien der Gegenwart trifft man die Seele meist lediglich als Bezeichnung für den diffusen Ort der Krankheit an. Seelische Krankheiten erscheinen da als negative Bestimmungen der Seele selbst.
Die Seele, vielleicht macht sie sich vor allem dort bemerkbar, wo sie fehlt. Ist sie also – mit Immanuel Kant – eine regulative Idee, die ihrem Wesen nach keine fixe Repräsentation kennen kann? Man will ja gerne nach der Seele fragen, aber kann man sie auch sagen? Hier kommt die Poesie ins Spiel.
„Die Seele und ihre Sprachen“ lautet das Thema der Poetica III, des dritten Festivals für Weltliteratur, das das Internationale Kolleg Morphomata der Universität zu Köln gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vom 9. bis 14. Januar 2017 in Köln veranstaltet. Kuratorin der Poetica III ist die Dichterin und Essayistin Monika Rinck. Sie hat Autorinnen und Autoren aus vier Kontinenten und acht Ländern eingeladen und sie gebeten, sich den Fragen nach der Seele, nach ihren Sprachen und Konzeptionen auf ihre je eigene Weise anzunehmen.
In diesem Buch finden Sie Essays, Prosatexte und Gedichte über verschiedene Gestaltwerdungen dessen, was sich mit dem Begriff der Seele bezeichnen lässt. Es geht um die Verbindung der Metapher des Seelischen mit der poetischen Metaphorik des Gedichts, um den belebenden Hauch, Animationen und Personalisierungen, das Zusammentreffen von Gesang, Klang und Benennung im poetischen Prozess, und um die Frage, ob sich Übersetzung als geführte Seelenwanderung betrachten lässt.
Vorwort
Autorinnen und Autoren der POETICA III fragen nach der Bestimmung der Seele und ihrer Sprachen im Resonanzraum des Gedichts.
Wie kommt die Seele zur Sprache und was sind ihre Sprachen? Sind es die Sprachen der Dichtung oder die der Wissenschaft? Werden ihr die ästhetischen Ideen der Poesie oder der Musik gerechter als die Verstandesbegriffe der Theologie, der Psychoanalyse, der Gehirnforschung? Sitzt die Seele im Gehirn, im Herzen, im Atem, in den Nerven, ist sie ein Medium, das den Zusammenhang zwischen Geist und Körper vermittelt? Welche Wirklichkeit hat die Seele in einer säkularisierten Welt noch, welche Wirklichkeit in Kulturen, in denen metaphysische Traditionen ungebrochen sind?
Gedichte und Essays von Javier Bello, Günter Blamberger, Heinrich Detering, Michael Donhauser, Nurduran Duman, Gila Lustiger, Angelika Meier, Monika Rinck, Zeruya Shalev, Eleni Sikelianos, Galsan Tschinag, Stefan Weidner und Lorenz Wilkens.
Wilhelm Fink Verlag, Klappentext, 2017
Website zu poetica³
Adrian Robanus: POETICA III
stellwerk-magazin.de, 6.2.2017
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