– Zu Ossip Mandelstams Gedicht „Der Wagenlenker“. –
OSSIP MANDELSTAM
Der Wagenlenker
Auf dem Paßweg hinzuschwanken
in den Muselmanenraum,
als ob wir dem Tod zutranken,
grausig war das wie im Traum.
Eine Kutsche nämlich fand sich,
deren Lenker, dörrobstdürr,
wohl vom Teufelsdienst so wanzig,
wortkarg, schwarz saß im Geschirr.
Aus Arabiens Kehlentröte
stieß er sein Hü-hott-Geschrei
und wie Rose oder Kröte
hielt er sein Gesicht geheim.
Eine Ledermaske lieber
trug er, die es glatt verbarg,
und die Kutsche ziellos trieb er,
heiser brüllend ins Mark.
Weiter ging das Hetzen, Holpern,
und kein Ende Berg an Berg,
Gasthöfe und Kutschen polternd
kreisten irr wie Teufelswerk.
Ich fuhr hoch: Was wird das werden?
Schluß mit dem Allotria!
Hat verirrt sich mit den Pferden
dieser Pestkopf-Tamada?
Dreht der ohne Nase Stricke,
zerrt uns fort, wie’s ihm gefällt?
Und zum Karussell der Tücke
wird die süßlich saure Welt!
Da! Schuscha, die Raubmordstätte
in Nagorny Karabach!
Was für eine Teufelsmette
ruft mir alle Urangst wach!
Vierzigtausend tote Fenster
starrn mich an als Menschenwerk
und gespenstischer als Gespenster
ragt der Totenacker-Berg.
Und die rosa Mauern klaffen,
schamlos aller Heimstatt Rest,
und der Himmel kann nur gaffen,
eine dunkelblaue Pest.
(Aus dem Russischen von Wilhelm Bartsch)
– Mit Ossip Mandelstam in Bargkarabach. –
Sein ungeheuerlichstes Gedicht beendete Ossip Mandelstam im Juni 1931 in Moskau. Es stammt noch aus dem Umkreis seiner Dichtung Armenien, Armenien. Dort, im Land am Ararat, hatten er und seine Nadeschda 1930 ein glückliches Lebensjahr verbracht. Die armenische Erde war für Mandelstam die „jüngere Schwester der judäischen“, die Reise also nicht nur eine in den östlichsten Teil des europäischen Südens und in die Antike, sondern auch zu den biblischen Ursprüngen und damit zu den eigenen Wurzeln. Das Gedicht, um das es hier geht, ist auch deshalb, weil es in das armenische Glücksbuch eigentlich nicht hineinpaßte, mit einem kleinen, gegenstrebigen Gedicht zu einem Minizyklus geworden, der auch aus dem Spätwerk der Moskauer und dann Woronescher Gedichte herausfällt. Dabei sind gerade diese Anti-Romanze und das Zehnzeilenbravourstück über eine wandernde Rinderherde der Dreh- und Angelpunkt, an dem sich das einmal ungetrübte armenische Glück der Mandelstams wieder ins Unglück und Dantes Verse in die Hölle der sowjetischen Gegenwart zu wenden beginnen.
DER WAGENLENKER
Auf dem Paßweg hinzuschwanken
in den Muselmanenraum,
als ob wir dem Tod zutranken,
grausig war das wie im Traum.
Eine Kutsche nämlich fand sich,
deren Lenker, dörrobstdürr,
wohl vom Teufelsdienst so wanzig,
wortkarg, schwarz saß im Geschirr.
Aus Arabiens Kehlentröte
stieß er sein Hü-hott-Geschrei
und wie Rose oder Kröte
hielt er sein Gesicht geheim.
Eine Ledermaske lieber
trug er, die es glatt verbarg,
und die Kutsche ziellos trieb er,
heiser brüllend ins Mark.
Weiter ging das Hetzen, Holpern,
und kein Ende Berg an Berg,
Gasthöfe und Kutschen polternd
kreisten irr wie Teufelswerk.
Ich fuhr hoch: Was wird das werden?
Schluß mit dem Allotria!
Hat verirrt sich mit den Pferden
dieser Pestkopf-Tamada?
Dreht der ohne Nase Stricke,
zerrt uns fort, wie’s ihm gefällt?
Und zum Karussell der Tücke
wird die süßlich saure Welt!
Da! Schuscha, die Raubmordstätte
in Nagorny Karabach!
Was für eine Teufelsmette
ruft mir alle Urangst wach!
Vierzigtausend tote Fenster
starrn mich an als Menschenwerk
und gespenstischer als Gespenster
ragt der Totenacker-Berg.
Und die rosa Mauern klaffen,
schamlos aller Heimstatt Rest,
und der Himmel kann nur gaffen,
eine dunkelblaue Pest.
(Aus dem Russischen von Wilhelm Bartsch)
„Der Wagenlenker“ ist ein Verwandter, wenn auch vielleicht nur zweiten Grades, der wohl schauerlichsten zwölf Balladen, die je geschrieben wurden. Diesen Zyklus mit dem Titel „Blutige Briefe an eine Freundin“ hat der Dichter Atom Yarshanian, genannt Siamanto, der armenische Baudelaire, der 1915 beim Genozid in Istanbul umkam, hellsichtig bereits 1909 aufgrund mehrerer sogenannter kleiner Genozide an den Armeniern in und um die reiche Küstenstadt Adana verfaßt. Der sonst eher sanftmütige Siamanto begründete damit seine „Poesie des Verbrechens“. Der Zyklus wurde ein Jahr später sehr frei ins Englische übertragen, von Peter Balakian in Boston, wo auch Siamanto eine Weile wohnte.
Der Versuch, mit Siamanto die Hölle auf Erden zu durchwandern und ihr dabei halbwegs zu entkommen, ist als weltliterarischer Glücksfall später dem australischen Dichter Les Murray mit seinem 1998 erschienenen 500-Seiten-Poem Fredy Neptune gelungen. Dort kommt der deutschstämmige Titelheld als australischer Soldat im Ersten Weltkrieg nach Istanbul und muß einer scheußlichen Szene beiwohnen, die ihn bis zur körperlichen Fühllosigkeit traumatisiert. Sie bezieht sich auf die Ballade „Der Tanz“ aus Siamantos Zyklus, in der armenische Frauen tanzen müssen, mit Benzin übergossen werden und verbrennen. Daraus bezog Les Murray Motto, Leitmotiv und roten Faden für sein Gedicht. „Gerechtigkeit, ich spuck dir in die Fresse!“ ruft die erzählende Zeugin bei Siamanto, eine deutsche Ärztin, eine Zeile, die unter vielen Armeniern bis heute eine gängige Redewendung ist.
Sechzig Jahre vor Murray muß Mandelstam während seines neunmonatigen Armenienaufenthalts mit Nadeschda ebenfalls einiges von Siamanto gehört oder sogar gelesen haben. Sein armenischer Dichterkollege Jeghische Tscharenz beispielsweise, der Mandelstam entscheidend zu seinem Buch Armenien, Armenien anregte und ihn und seine Frau während ihres Besuchs materiell unterstützte, hatte 1915 die Greuel des Genozids in Westarmenien als iranischer Soldat im VII. Bataillon der armenischen Freiwilligenarmee selbst miterlebt und in seinem Poem „Danteske Legende“ von 1915/16 zu bannen versucht. Der vielleicht bedeutendste Dichter Armeniens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilte übrigens Mandelstams Schicksal. Er wurde 1937 als Konterrevolutionär in Eriwan eingesperrt und umgebracht. Die Leiche wurde nie gefunden, aber seine Manuskripte wurden von der jungen Malerin Regina Ghasarjan gerettet.
Bei einem Dichter vom Format Mandelstams, der es auch mit einem Giganten wie Dante aufnimmt, gilt die Formel für wirklich Gelungenes, „man muß den Fluß in seiner ganzen Breite springend überqueren“, natürlich auch in der Weise, daß nicht nur die frühesten Dichter des Genozids, Siamanto und Tscharenz, im „Wagenlenker“ anwesend sind, sondern auch Puschkin, Goethe, Bürger und Heine. Überhaupt kommt der ganze Sound, wie so oft bei Mandelstam oder seinem Lieblingsvorfahr François Villon, aus den populären Künsten, in diesem Fall aus dem Blues und der Schlagerwelt des alten Rußlands, also den russischen Zigeunerromanzen, die ebenso wie die Heine-Romanzen den spanischen Trochäus bevorzugen.
Da! Schuscha, die Raubmordstätte
in Nagorny Karabach!
Die Fotos, die es davon in russischen und armenischen Publikationen gibt, zeigen eine Szenerie, die einen sofort an Hiroshima und Nagasaki denken läßt. Die sowjetische Staatsschriftstellerin Marietta Schaginjan, bei der sich Mandelstam noch 1933 in einem Brief für einen verhafteten Freund aus seiner armenischen Zeit, den Biologen Boris Kusin, einsetzte, schrieb 1925, fünf Jahre nach dem „kleinen“ Genozid der Türken und Aserbaidschaner an den Armeniern in der Stadt Schuscha:
Zwei Hügel vor mir waren bedeckt mit Skeletten und Schalen von Häusern. Da war nichts hinterlassen worden, um diese armen sterblichen Überreste irgendwie zu bedecken: keine Dächer, keine Türen, keine Fensterrahmen, keine Stockwerke, nichts aus Eisen, nichts aus Holz, keine Regale, keine Dachsparren, keine Nägel – nur Steine, Steine und noch mehr Steine, die blanken und trockenen und saubergepickten Knochen eines Skeletts. Das erste, was über mich hereinbrach, war die Stille. Eine furchtbare Stille, wie ich sie nie zuvor erwartet hätte. Dann beginnst du dir allmählich einzubilden, daß diese Stille flüstert – und deine Haare stehen zu Berge. Hier, in nicht einmal drei Tagen im März 1920, wurden siebentausend Heimstätten zerstört und dann niedergebrannt. Berechnungen schwanken bei der Zahl der Massakrierten. Es bleibt die Tatsache, daß von den fünfunddreißigtausend Armeniern, die in Schuscha lebten, nicht einer dageblieben ist. Hier und da in den Gräben könntest du noch Klumpen weiblicher Haare voll schwarzen trockenen Blutes sehen. Jeder mit nur ein bißchen Einbildungskraft hätte Schwierigkeiten, hier überhaupt zu atmen.
Nadeschda Mandelstam sieht dort noch fünf Jahre später ähnlich Grauenhaftes. In ihren „Kommentaren zu den Gedichten von 1930–1937“ schreibt sie:
Wir fuhren die Straße entlang, und überall das gleiche: zwei Reihen Häuser ohne Dächer, ohne Fenster, ohne Türen. (…) Häuser aus dem berühmten rosafarbenen Tuffstein, zweistöckig. Alle Zwischenwände herausgerissen, und durch diese Gerippe schimmerte der blaue Himmel hindurch. Man sagt, daß nach dem Gemetzel alle Brunnen mit Leichen verstopft waren. (…) Auf keiner der Bergstraßen haben wir einen Menschen angetroffen. Nur unten, auf dem Basar-Platz wimmelte ein Häuflein Menschen umher, unter ihnen aber kein Armenier, nur Muselmanen. O. M. hatte den Eindruck gewonnen, als seien die Muselmanen auf dem Markt die Reste der Mörder, die vor zehn Jahren die Stadt zerstört hatten, nur daß dies ihnen nicht gut bekommen war: östliche Armut, abscheuliche Lumpen, eitrige Hautwunden auf den Gesichtern.
Schuscha in der noch nicht anerkannten Republik Arzach oder Bergkarabach heißt seit 1993 wieder armenisch Schuschi. Die Stadt liegt auf einer hohen Felsenzunge, von der die Spitze abgeschnitten ist. Drei Seiten der Stadt werden von der Hunot-Schlucht begrenzt, deren Felswände teilweise über hundert Meter fast lotrecht abstürzen, was immer wieder auch für Massenermordungen durch Hinabstürzen genutzt wurde. In der Richtung Stepanakert, heute Hauptstadt der Republik Arzach, thront eine der größten Festungen Transkaukasiens. Es ist ein stolzes persisches Bauwerk. Persisch ist auch das Wort „Karabach“. Es bedeutet „schwarzer Garten“. Dieser hatte bis vor 25 Jahren noch im „Land der brennenden Erde“ gelegen, so der Beiname der Republik Aserbaidschan. Beides klingt nicht gerade nach einem Paradies, könnte im uralten Zentrum der Welt zwischen Mesopotamien, dem persischen Land der Feueranbeter und Noahs Hafen, dem Ararat, jedoch ein wiedergefundenes Paradies sein, wenn man von den dort lebenden Menschen und ihren Geschichten absehen könnte.
Bertolt Brecht bemerkte in seinem Gedicht „Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt“ im Hinblick auf den armenischen Genozid eine Art historischer Gesetzmäßigkeit:
Wenn die Verbrechen sich häufen, werden sie unsichtbar.
In Schuscha oder Schuschi kann man heute noch „vierzigtausend tote Fenster“ sehen, nur sind es diesmal eher die Ruinen der Aseri-Häuser aus dem Bergkarabach-Konflikt Anfang der neunziger Jahre. Die Aseris, also Aserbaidschaner, wurden hier zwar nicht von den bis dato unterdrückten Armeniern massakriert, aber sie wurden fast alle vertrieben. Geschah hier Recht oder Unrecht? Wenn es der Einfachheit halber doch Brechts Richter Azdak aus dem Kaukasischen Kreidekreis geben könnte!
Von den Ruinen von 1920 sind nicht mehr viele übriggeblieben, darum sieht man wenigstens nicht gleich achtzigtausend tote Fenster. Schuscha bedeutet auf persisch übrigens „Glas“ und ist gewissermaßen auch ein Glashaus. Die Stadt besitzt eine neue imposante Kathedrale, die Armenier haben aber auch viele Altstadtgebäude restauriert, wie die wunderbar schlichte Doppelturm-Moschee im mittelasiatischen Stil von Buchara und Samarkand oder das eher zierliche, aber betörend schöne türkische Bad. Gleichzeitig liegen ganze Wohnviertel noch in Schutt und Asche oder sind überwiegend unbewohnbar. Selbst auf dem Heldenfriedhof des Zweiten Weltkriegs sieht man Einschlagspuren der Geschosse aus dem Karabachkonflikt. Überhaupt gibt es in Arzach anscheinend mehr Friedhöfe als Ortschaften, mehr überscharfe und manchmal lebensgroße Tote in Schwarzweißfotos auf Basalt und Granit als Lebendige in der Landschaft. Diese Toten spuken nun in einem Land, in dem seit alters her in jeder zweiten Brust ein Dichter steckt. Andrej Sacharow sagte:
Für Aserbaidschan ist die Karabach-Frage eine Frage der Reputation, aber für die Armenier eine Frage von Leben und Tod.
Aserbaidschanische Bücher zeigen Schuscha als reiche Stadt der Schiiten voll morgenländischer, hier aserbaidschanischer und persischer Kultur. An diesen Quellen ist genausowenig zu zweifeln wie an jenen der Armenier und der Russen. Schuschi war jedenfalls bis 1920 auch für die Armenier einer der wichtigsten Orte des Geistes und der Kultur. Viele bedeutende Persönlichkeiten wurden hier geboren, auch die Familie von Napoleons berühmtem Leibmameluken Roustam Raza, zudem Wissenschaftler und Künstler, die vor allem Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland, oft in Leipzig oder Halle, studierten. Aber auch das schiitische Schuscha brachte Menschen wie Molla Panah Vagif hervor, dessen Mausoleum inzwischen zu einer Ruine geworden ist. Er war Satiriker, Hocherotiker und Weltzweifler, ein würdiger Nachfahre Omar Chayyams:
Von allem Trug mich zu befrein ist mir geglückt.
Allein der Tod ist’s, der mich täglich mehr umstrickt.
Als persischer Wesir von Karabach starb Vagif in seiner Heimatstadt einen grausamen Tod, nachdem der Schah zuvor noch eine blutige Pyramide aus den Köpfen seiner Leser errichtet hatte.
Schuschas Geschichte war schon immer auch eine des Schreckens, wie ihn der orientkundige Kriegsmaler Wassili Wereschtschagin 1871 in seinem berühmten Gemälde Apotheose des Krieges mit einer Schädelpyramide in der Art Timur Lenks allegorisch darstellte. Auf dieses Gemälde und auf einen Dokumentarfilm, in dem Lenin zu einer vielköpfigen, gesichtslosen Menschenmasse spricht, bezieht sich wahrscheinlich Mandelstams Vierzeiler sieben Jahre nach der karabachischen Reise:
In weite Ferne gehen Hügel: Menschenköpfe
Mich wird man nicht mehr sehn, ich werd verschwindend klein –
Ausgerechnet nach Schuscha also fuhren die Mandelstams im November 1930, um Armenien und ihr glückliches Jahr ausklingen zu lassen. Hatten sie denn nicht davon gehört, was dort zehn Jahre zuvor passiert war? Aber es braute sich ohnehin überall in der Sowjetunion Schreckliches zusammen. Dem Dichter blieben nicht mehr viele Jahre.
Das Gedicht „Der Wagenlenker“ ist mit seinen vierhebigen, trochäischen Versen und mit seinen Kreuzreimen ein seltsamer Hybrid aus spanischem Trochäus und russischer Romanze, also auch aus Heine und Puschkin. Es trägt den russischen Titel „Faetonschik“. „Faeton“ nannten die Russen eine Art offener Kaleschen, auch Herrenkutschen genannt. Der Sonnenwagen, den der anmaßende Göttersohn Phaeton statt zur Sonne in den Absturz lenkte, war bei den Griechen, wie man weiß, die oberste Staatskarosse, ja gewissermaßen der lenkende Staat selbst. Mit dem Vorsitzenden als Wagenlenker, nämlich „predsedatelj“, meint Mandelstam hier natürlich auch den Tischherrn, den Vorsitzer eines Festmahls, den Tamada. Der Kaukasier Stalin war ja quasi der Tamada der Sowjetunion.
Der armenische Dichter, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Artem Harutyunian, der aus Stepanakert stammt, erzählte mir dort 2012, daß seine Mutter Mandelstams Kutscher noch gekannt habe. Das sei ein liebenswürdiger Aseri, seine Halbmaske eine Sonderanfertigung gewesen, um sein zwar nicht von der Pest, aber von der Syphilis entstelltes und tatsächlich naseloses Gesicht seinen Kunden nicht zumuten zu müssen. Mandelstam macht im „Wagenlenker“ eine andere Fahrt als Alexander Puschkin in seinem Kurzdrama Gelage zur Pestzeit, auf dessen folgende Zeilen sich Mandelstam bezieht:
Es gibt Genuß im Rausch der Schlacht,
vor eines Abgrunds finstrer Nacht
Und im ergrimmten Ozeane,
Der seine Wogen rasen läßt,
Und im arabischen Orkane
Und in dem Hauch der schwarzen Pest.
Puschkin fährt dort gewissermaßen noch selbst. Mandelstam aber, der ihm, wenn es um den zu verlachenden Tod ging, stets zu folgen bereit war, wird in seiner Schreckensballade gefahren und bis auf die Knochen durchgerüttelt. Puschkin war, wenn auch nur kurz, verbannt oder besser: mit Auftrag verschickt worden, er wurde ein Erkunder des Südens, ein Held des Orients, wie man in seinem Tagebuch „Die Reise nach Erzerum“ nachlesen kann. Genau hundert Jahre vor Mandelstams Fahrt nach Nagorny Karabach gibt es bei Puschkin als dynamisches Unterfach des locus terribilis die von Ritt oder Kutschfahrt handelnde Schauerballade, nämlich Die Dämonen, ebenfalls eine Irrfahrt, in diesem Fall durch eine unwetternde, geisterhafte Natur:
Schrecklich, schrecklich ist’s zuzeiten,
Von der Ferne fremd umringt
Ebenfalls wie bei Mandelstam ruft ein Ich-Erzähler: „Kutscher, vorwärts!“ und der antwortet:
Teufel ziehn uns an der Nase,
Ziehn uns in die Irre nun. (Nachdichtung von J. v. Guenther)
Das Sujet der Geisterreiterei und -kutschfahrten ist aus Volkssagen und -märchen aller Gegenden zumindest auf der Nordhalbkugel der Erde bekannt und spätestens seit Shakespeare und Bram Stoker, Gottfried August Bürgers „Lenore“ und Goethes „Erlkönig“ bis eben hin zu Heine und Puschkin auch Stoff für hohe Kunst.
An dieser Stelle sei ein Selbstversuch mit der Populärkunst empfohlen: Man wähle bei YouTube die Diva Pola Negri oder den Star des russischen Tangos, den Ukrainer Pjotr Leschenko, die beide die russische Romanze „Chto mnje gorje“ singen. Bei den so beliebten Zeilen „Serdse tijsche, wijsche, wijsche“ (deutsch etwa: „Herz sei still, Kopf hoch, Kopf hoch“) fange man an mitzusingen, nun aber mit den Versen von Mandelstams „Wagenlenker“ … Dieses Gedicht und das ihm folgende arkadische über die Rinderherde wurden in Moskau geschrieben oder zumindest vollendet. Ein Exemplar in Mandelstams Handschrift war in einer Teekanne versteckt, das andere in Athenes Haupt, nämlich in Nadeschda Mandelstams heroischem Kopf.
Aber die schreckliche Reise war in Schuscha noch längst nicht zu Ende. Der pockennarbige Stalin kutschierte weiter: „Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten – / Und breit schwillt die Brust des Osseten“, endet das Gedicht „Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr“ aus dem Herbst 1934, das der Hauptgrund für Mandelstams spätere Verhaftung war. Er wurde im Mai 1938 in einen Gulag in der Nähe von Wladiwostok transportiert, wo er ein halbes Jahr später völlig entkräftet starb. Dort wurde 1998 auch das erste Denkmal für ihn errichtet. Es wird regelmäßig geschändet.
Der karibische Literaturnobelpreisträger Derek Walcott sagt in einem Gedicht über Mandelstam, das er dem russischen Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky widmete:
Er erkannte in einsamen Bahnhöfen die Poesie
unter wie Asien so weiten Wolken, durch Bezirke,
die Oklahoma wie eine Traube verschlängen.
Ich hatte damals in Vank, wo das berühmte Kloster Gandzasar liegt, in dem, wie der Erzbischof von Bergkarabach sagte, der Kerzenschein fast ein Jahrtausend lang nie erloschen war, unverhofft Gelegenheit, in eine Kalesche, wohl fast so ein Phaeton wie der von Mandelstam, zu steigen. Genry D., ein junger georgischer Kollege, und der stets betrunkene Moskauer Dichter Alexander B. waren mit von der Partie. Es war eine abenteuerliche Fahrt, wenn auch nur durch den Talgrund an einem Fluß entlang und Gott sei dank nicht auf einem karabachischen Paßweg. Immer nämlich, wenn der charmante russische Imperialist B. sein „Dumaju rodinje!“ – also „Ich denke an die Heimat!“ im Sinne der Aufforderung „Gedenke also auch du deiner alten Heimat!“ – brüllte, erhob sich prompt der Kutscher trotz der Raserei auf holprigen Wegen von seinem Sitz. Dieser Wagenlenker war wohl ebenfalls ein Sowjetbürger geblieben, zugleich war er, wie ich von ihm erfuhr, ein Aseri, ein Aserbaidschaner.
Ein anderer Aseri war der, neben dem ich im klappernden Van nach meiner zweiten Karabachreise 2014 auf Paßwegen durch den Latschiner Korridor wieder hinunter nach Armenien fuhr. Er verbot mir, den ohnehin kaum noch vorhandenen Sicherheitsgurt anzulegen, weil das auch in seiner, leider vergangenen, Sowjetunion nicht Brauch gewesen sei. In solchen Fällen erfährt man, wie wertvoll und vor allem nötig auch ein irrationales Vertrauen in die Mitmenschen ist. Dieser Siebenstundenfreund trug eine Art Halbmaske, nämlich einen Mund voller sowjetischer Goldzähne, zugleich hatte er drei ständig im Dienst befindliche Handys in sein andauernd zu kurbelndes Lenkrad geklemmt. Das Mandelstamgedicht ging für mich anscheinend immer weiter…
Die Mandelstams aber fuhren 1930 aus Schuscha, wo Ossip um nichts in der Welt etwas essen, trinken oder gar übernachten wollte, hinunter nach Stepanakert. Erst auf dieser Fahrt jedoch begegneten sie dem Faetonschik wirklich. „Das Gedicht“, merkt Nadeschda Mandelstam an, „ist aus einem konkreten Ereignis und einer weiter gefaßten Assoziation heraus entstanden, darin liegt sein Sinn. Aus ihm ging der friedliche Ausschnitt über die gleiche Herde hervor, die wir gesehen hatten, als wir nach Stepanakert hinunterrasten.“
Eine Gesellschaft der Ungleichen, aber Glücklichen zog herauf. In Nagorny Karabach reitet man immer noch gern seine nahezu adeligen Pferde, wie schon bei Lermontow nachzulesen ist, und prächtigste Rinder leben dort noch heute. Wohl auch deshalb schwingt in diesem vermutlich ganz alltäglichen Herdengang für Mandelstam ein festlicher Umzug mit, etwas Arkadisches, aber Anti-Utopisches, ja ein Widerspruch gegen jeden, vor allem aber den sowjetischen Gleichheitswahn, zugleich etwas, das von Ungeheuerlichem angesteckt ist, zumal es ja einem Ort des Schreckens, wie Schuscha oder Schuschi, zustrebte. Ur und Babylon sind auf einmal viel näher als Moskau, und das ist geographisch und kulturell auch wirklich so.
Aber dieses Mal klingen Mandelstams spanische Trochäen, die gerade noch so viel Schrecken transportieren mußten, ganz anders. Dante entläßt hier seinen Jünger aus seinem Schatten in ein höheres Licht, das ihn nahezu „imparadiso“, also paradiesfähig, macht: In ihrer uns sanft überrollenden Schlichtheit sind diese nur scheinbar kargen Verse wohl auch eine Antwort auf Hiob 39,9–12. Die „unmenschliche“ Rede des Ich-bin-der-ich-Bin gilt vielen als rätselhafteste Großpoesie der Bibel überhaupt, und C.G. Jung zweifelte sogar daran, daß ein Mensch je so etwas habe verfassen können.
Wie dem auch sei, der wunderschöne Schreckensort Schuscha konnte nicht der Schlußpunkt für Ossip Mandelstams „Et in Arcadia ego“ sein. Stalin durfte nicht sein Herr bleiben, und so hat er sich entzogen, indem er zum Hirten einer Herde wurde, die bei Anbruch der Nacht in das weltumspannende Gehege eines Gedichtes heimkehrt:
Wie beim Volksfest, bei Paraden
Stampft die Erde, Schweiß und Dreck
Eine Herde, nach Dienstgraden,
Schwimmt im Staub her als Armada
Mitten in die Augen mir.
Hinten hoppeln schmale Kälber,
Davor, Hasche spielend, Jungvieh
Und wie Schiffe dümpelnd Kühe,
Dampfend ziehn kastrierte Rinder,
Vorn als Oberhirten Stiere.
(Aus dem Russischen von Wilhelm Bartsch)
Wilhelm Bartsch, Sinn und Form, Heft 1, 2020
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